MvE_Stadtbaugeschichte Wiesbaden

Habilitationsprojekt Meinrad v. Engelberg: Stadtbaugeschichte Wiesbadens 1806-1914

Das folgende Habilitationsprojekt ist Teil des Forschungsschwerpunktes „Eigenlogik der Städte“ der TU Darmstadt www.stadtforschung.tu-darmstadt.de

Kurzbeschreibung des Habilitationsprojekts

Vom Weltkurbad zum Weltkulturerbe?
Die Stadtentwicklung Wiesbadens 1806-1914

2004 formulierte Prof. Dr. Gottfried Kiesow, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und ehemaliger Landeskonservator von Hessen, die überraschende Idee, Wiesbaden als „Stadt des Historismus“ für die Unesco-Welterbeliste vorzuschlagen. Die hessische und vormalige nassauische Landeshauptstadt, das frühere selbsternannte „Weltkurbad“ würde somit in seiner kunsthistorischen Bedeutung der Altstadt von Bamberg, den Parks von Sanssouci oder der Berliner Museumsinsel gleichgestellt.

Diese hohe Einschätzung verwundert, misst man sie an der eher geringen Beachtung, die Wiesbaden bisher in der deutschen und europäischen Stadtbaugeschichte gefunden hat. Die Diskrepanz erklärt sich aus der marginalen Stellung, die Wiesbaden in einer an den metropolitanen Zentren und den Hauptlinien der Entwicklung zur Moderne orientierten Forschung zwangsläufig einnehmen musste:

Als eine – gemessen an Größe und Bedeutung – Stadt zweiter Ordnung, eher aufnehmend als ausstrahlend, stellt die „Weltkurstadt“ dennoch einen bemerkenswerten Sonderfall dar, der in seltener Reinheit und Eigenart als eine „Idealstadt des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet werden kann: Wiesbaden verfünfundzwanzig- fachte in dieser Epoche seine Einwohnerzahl, ohne hierfür die zeittypischen Wachstumsmotoren der Industrialisierung oder Metropolenbildung einzusetzen. Im Bismarckreich die Stadt mit den meisten Millionären, verfolgte die dort betriebene Entwicklungspolitik konsequent das Ziel, das Bild einer idealen Wohn- und Kurstadt, der „Stadt des ewigen Sonntags“ (Alfons Paquet) zu bewahren, und sich gleichzeitig zu einer modernen, mit den Hauptstädten des Reiches in architektonischem Anspruch wetteifernden Großstadt weiterzuentwickeln.

Das Habilitationsprojekt verfolgt zwei Ziele:

Es soll dargelegt werden, wie sich über 100 Jahre durch eine gezielte und nachhaltig verfolgte Entwicklungspolitik eine nassauische, zunächst ländliche Kleinstadt in eine preußisch-deutsche Großstadt mit einem genau definierten, spezialisierten Profil innerhalb des Wettlaufs um den bevorzugten Wohnort des neuentstehenden Großbürgertums wandelte. In dieser „Nischenbesetzung“ und „Profilbildung“ wird ein ungewöhnlicher, eminent moderner Zug erkannt, der bisher von der Forschung nicht ausreichend beschrieben wurde und der eine Eintragung in die Welterbeliste begründen könnte.
Die Eigenart Wiesbadens soll durch vergleichende Blicke auf konkurrierende Städte (Hauptstädte von Mittelstaaten des deutschen Bundes wie Darmstadt oder Karlsruhe; bevorzugte „Kaiserstädte“ wie Kiel oder Kassel; regionale Zentren wie Mainz oder Frankfurt; mondäne Badeorte wie Baden-Baden oder Homburg) herausgearbeitet werden.

Methodisch soll erprobt werden, durch welche Fragestellungen auch solche Städte, die nicht allseits beachtete Metropolen waren, sondern auf die von den Zentren ausgehenden Anstöße reagierten, in ihrem individuellen Charakter beschrieben und analysiert werden können.
Ein Schwerpunkt wird hierbei auf der immer noch zu wenig erforschten oder häufig abwertend wahrgenommenen Periode des für Wiesbadens preußische Zeit (ab 1866) prägenden wilhelminischen Späthistorismus liegen.